Zu vorgerückter Stunde, Books on Demand 2017 

 

    

 

Erstes Kapitel

Da legte man sich noch in die Sonne. An warmen Sommertagen. Halbnackt – wenigstens als junge oder noch junge Frau. Kurz nur, über Mittag. Einige Naschsachen neben sich, Zigaretten vielleicht, ein Schinkenbrot. Zeitschriften, die man sich schnell noch vom Kiosk geholt hat. Walkman, Kopfhörer. Heiße Mu­sik in Stereo. Der See, er klatschte wohl an die Ufermauer, man sah die Wellen.

Rundum grüner, kurz geschnittener Rasen, eingelassene Platten davor und darin. Badetücher, Plastiktaschen. Verschmierte Kartons, zerfetzte Verpackungen. Wirklich Badende ab und zu. Wasser, das bis über die Pflasterung hinwegspritzte. Sonnencremefläschchen, eine leichte Brise vom See. Stadtlärm, den man nicht wahrnahm (man hatte ja die Kopfhörer auf), trotzdem wegwischte mit eingelernt eleganter Bewegung. Angenehme Kulisse hatte er zu sein und zu blei­ben.

Flugzeuge am Himmel; weiße Kondensstreifen. Myriaden von Booten auf dem See. Schnelle Boote, Wasserskifahrer. Gischtschwaden, die sie hinter sich herzogen. Behäbig die Dampfer dazwischen. Segelboote, Surfbretter, ein schneller Motorflitzer kippte hin und wieder das eine oder andere der Bretter. Wütende Surfer, die um ihr nasses Tuch paddelten. Bläul­icher Dunst in und über der Stadt. Eilende Leute auf den Wegen durch den Rasen.

Oben ohne. Die Bräunung sollte durchgehend gleichmäßig werden. Sonst immer die lästige Höhensonne nachher. Nach der Massage. Obwohl es schon lange erlaubt war, beschwerten sich ein paar Unentwegte immer noch wegen dem Oben-ohne. Gerade die geilsten Männer, die einem noch das Höschen mit den Augen auszogen, wenn sie meinten, niemand beachte sie. Oder Frauen, Feministinnen, die den Ausverkauf des weiblichen Körpers an­prangerten. Sollten die sich doch fein züchtig im Trai­ningsanzug in die Sonne legen!

Ein paar Segler seien unlängst im See ertrunken. Die Zeitung brachte große Bilder von dem „tragischen Unfall“. Trotz Sturmwarnung hinausgefahren. Tollkühn. Ja, so zahlt man halt für jugendlichen Leichtsinn. Die Zeitung schwamm in Empörung über diesen jugendlichen Leichtsinn.

 

Erster Kursivtext

Wie hätten sie es auch wahrnehmen sollen?

Wer bemerkt schon das Älterwerden eines Menschen, den er dauernd um sich hat, oder das Wachsen der Bäume und Sträucher? Veränderungen der Umwelt gibt es immer, gar Unregelmäßigkeiten. Der Untergrund verschiebt sich, ein Hang rutscht, längst übermürbes, ausgewaschenes Gestein fällt ab. Auch handfestere Katastrophen, ein Hausdach stürzt ein, ein Stück Berg schliddert in die Tiefe, der glühende Erdball rebelliert, ein Erdbeben, Überschwemmungen Lawinenverschüttungen; sie füllten damit ihre Zeitungen.

Nicht so es. Es äußerte sich nicht in Bildern des Entsetzens, mit denen ihre Zeitungen ja nie sparten. Manchmal schien es, als hätten all die Blätter, Radiostationen und Fernsehsender den Schrecken, die breitgewalzte Katastrophe schon haargenau vorausgewusst, hätten, auf sicherem Boden, schon dagestanden mit dem motorisierten Fotoapparat, bereit, ihn gleichsam an einer Strippe hineinzuhalten mitten ins geschehende Ungemach. Erschütterte Wohnstuben, Leichenhäuser, Bahren, umgeben von Angehörigen, weinenden möglichst, die erstarren für Momente und ein paar Augenblicke länger im Bannstrahl des öffentlichen Interesses bleiben. Dann – irgendwann später – erscheint in irgendeiner verlorenen inneren Spalte eines renommierten Blattes ein Gutachten. Niemand liest es. Verbindlich war schon kurz nach den dramatischen Ereignissen die Besserwisserei derer, die mit dem Fotoapparat, der Fernsehkamera dabeigestanden hatten. Derjenigen, die die Geschichte ins Reine knipsten.

Anders bei ihm. Ihm konnten sie keine Fotoapparate in den Schlund strecken. Kein Geräusch wäre ihm nachzuweisen gewesen, kein Mucks hätte zu Riesenlettern Anlass gegeben. Es stürzte keine Häuser um, warf keine zu Schutt. Geheimnisvolle, schreckliche Todesopfer waren nur deshalb geheimnisvoll, weil noch nicht alle Fakten am Licht waren, nicht weil Geheimnis trotz aller Fakten hartnäckig Geheimnis blieb; den Strahl des Lichts müsste man nur genug stark strahlen lassen und richtig richten, dann würde er sich schon durch die dunkelsten Ränke winden und das Böse entlarven. Entsetzensschreie seinetwegen hingegen wären als unwirklich, der Schreiende als verrückt abgetan worden.

Es war aber da, ja geradezu allgegenwärtig: die Böschung, die gestützt werden musste, obwohl sie die ganzen Jahre hindurch ohne Stützmauer gehalten hatte; der Riss im Asphalt der Straße, der dem Winterfrost zugeschrieben wurde, obwohl der Winter immer tauwarm gewesen war; der Leitungsbruch, den die seismischen Untersuchungen jener renommierten Zeitungen umständlich verbrämten, die mancher noch der Form halber abonniert hatte, da dazuzugehören damals schon wichtiger war, als zu wissen, wozu.

Irgendwo lag es in der Luft, drückend. Ein Alb? Sie hätten sich seine Unzuschreibbarkeit nicht einzugestehen gewagt. Sie lebten an ihm vorbei und das entsprach ihm, entsprach seiner Zurückhaltung. Wie durch traumhaften Zufall, denn es hätte ihm ferngelegen, Alb ebenso wie zerstörerisch oder erfreulich zu sein. Deshalb kam ihm wie ihnen entgegen, dass sie das dumpfe, mulmige Gefühl, das nicht wegzudiskutieren war, dem Krimi anlasteten, über dem sie nun schon wieder vor dem Fernseher eingeschlafen waren, gerade an der spannendsten Stelle, oder dem launischen Wetter.

Selbst wenn ihnen ein Erlöser oder ein Teufel erschienen wäre, sie hätten ihn mit dem gleichen dumpfen Gefühl empfangen. Vom Sofa in ihrem sicheren Heim herunter – sofern sie ihn denn überhaupt empfangen hätten. Vielleicht, wenn er lauthals geschrien hätte: „Ich bin der Erlöser, seht her – nicht irgendein Erlöser, nein, derjenige, der euch schon lange verheißen wurde, der euer aller Seelen befreien wird von Leid und Not. Für immer! Oder als Teufel: „Jetzt seid ihr alle mein, ob ihr, ob andere nun wollen oder nicht. Egal, ob mit mir im Bund oder nicht! Vielleicht wenn er, mit genügend göttlicher oder höllischer Finanzkraft gesegnet, eine Kampagne gestartet hätte mit allem Drum und Dran, mit PR-Managern und ihrem ganzen Gefolge, in allen nur erdenklichen Massenmedien. Womöglich wäre er dann zum Star avanciert für einige Zeit. So lange, wie das Publikum einem andächtigen, verklärten Gesicht oder Grimm und Hörnern Zeitweil gegönnt hätte. Wäre ihm dann sein Auftritt gelungen, die Arbeit und die Intuition seiner Mannschaft also gut gewesen, so hätte er eigentlich gar nicht mehr zu kommen brauchen; sein Gesicht wäre nun ja allen in medialer Blaupause erschienen – ja, man hätte ihm vom Kommen sogar abraten müssen. Dringend.

Kommt er nämlich, Fleisch und Blut, verlässt sich nur auf sich, auf sein Erlöser- oder Teufelsein, seine Kraft dadurch, so wird er enttäuscht gerade durch deren so nüchterne Grenzen. Ohne jeden kollektiven Mucks geht er unter in der Masse der Erdenbürger. Irgendwo, der Erlöser- oder Teufelsarbeiter, der Erlöser- oder Teufelsstenotypist. Irgendwo. Bestenfalls als schräger Typ oder Original, falls sich noch irgendwo eine Ader für schräge Typen oder Originale findet. Er wird übertönt, restlos, von der Welt – von ebenjenen Katastrophen, jenen Sensationen, für die sie den Motor unter den Fotoapparat schnallen. Gleichzeitig zucken Millionen, Milliarden von Herzen, verziehen sich weltweit Lippen, durch alle Zeitzonen, Nationen und Denkarten hindurch. Alle in fast demselben Moment, wenige Sekunden Unterschied nur – und vielleicht sitzt der Erlöser, Teufel, ebenfalls vor dem Fernseher in seinem Fleisch und Blut, traurig ob seiner Schuld, entsetzt vor seiner Pflicht. Sogar das dumpfe Gefühl in Kopf und Magen entsteht höchstens in ihm, nicht aber seinetwegen.

„Es hatte jedoch nicht die geringsten Erlöser- oder Teufels­allüren. Frei von Botschaft und Sendung war es; einfach da, ohne Kampagne, Erfolg oder Enttäuschung. Bedrückte es sie, so per Zufall; hätte es Freude bereitet, so wäre das ebenfalls Zufall gewesen. Nicht einmal ein Star war es, niemals erschien es im Fernsehen oder auf Fotos, wäre ohnehin nicht aufs Bild zu bannen gewesen. Es war einfach publizitätslos fortschreitend gegenwärtig. Diese fortschreitende Gegenwart machte es wichtig – gewichtig.

Es wuchs. Wie das Kind, das man dauernd um sich hat, dessen Wachstum aber erst der Besuch anderer, die ihren Augen nicht trauen, oder die zu kleinen Kleider anzeigen. Es veränderte sich wie der Mensch, dessen Älterwerden sein Nächster nicht beachtet. Nur wurden ihm keine Kleider zu klein, keine Besucher kamen mit aufgerissenen Augen, keine Haare wurden grau.

Sein Wandel blieb also unberührt – als ob ihn zu erkennen ein Sinn nötig gewesen wäre, den es entweder nie gegeben hatte oder schon lange nicht mehr gab. Oder ein Wort, ein Klang, ein Bild. Ein ganz, ganz neues, ein ganz, ganz altes Wort oder Bild – lag „es am Ende doch an ihnen – in ihnen?

 

 

 

Es war einmal ein Palästina, Essay