ist so ganz neu auch wieder nicht, denn ein Teil des Plots stammt aus meiner ersten Buchveröffentlichung Müllers Aufbruch. Aber Hans Müller ist mit dem Autor über die Jahre ein anderer geworden; jener wohl noch mehr als dieser. Und dadurch haben sich auch seine Tat – die sinnlose Tötung eines Unbeteiligten – und deren Folgen so sehr verändert, dass ein neues Buch entstanden ist, nicht eine korrigierte Fassung. Nun soll in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt das Rükfallrisiko wegtherapiert und Hans vielleicht auch von seiner Schuld geheilt werden. Doch gerade dadurch findet er zu ihr, zu ihren vielen Gesichtern. Zu so vielen Gesichtern, dass er ihnen nicht zu trauen vermag. Seine frühere Existenz, seine früheren Rollen sind dahin und neue nicht in Sicht. Er steht am Abgrund, vielleicht gar auf einem beidseits abschüssigen Grat – und muss trotzdem gehen lernen.

Als Leseprobe hier der Prolog:

Am 5. März 1991 erregte ein seltsames Verbrechen die Gemüter der halben Welt. Der Direktionspräsident und Aufsichtsratsdelegierte eines weltweit tätigen Konzernsstreckte in N., wo er sich gerade geschäftlich aufhielt, auf offener Straße einen ihm völlig unbekannten Jugendlichen ohne ersichtliches Motiv nieder. Der Mann ließ sich daraufhin widerstandslos festnehmen. Auch während der Untersuchungshaft soll er über Wochen einsilbig, ja fast apathisch geblieben sein. Fotos allerdings, die anlässlich des Begräbnisses seines Opfers gemacht wurden, zeigten den – eigenartigerweise anwesenden – Tatverdächtigen in der für ihn üblichen Pose des weltläufigen Managers; er schien nicht nur unbeeindruckt, sondern ließ sich überdies ein Verhalten zuschulden kommen, welches vielleicht einer Cocktailparty gut angestanden hätte, bei einer Trauerfeier aber, zart ausgedrückt, reichlich geschmacklos wirkte. Da dabei auch die Schwester des Opfers in einem überaus zweifelhaften Licht erschien, vermuteten einige bereits düsterste, niederträchtigste Zusammenhänge – welche in der Folge freilich unbewiesen blieben.
Aus anderen Gründen sorgte der Verlauf des Strafverfahrens immer wieder von Neuem für Wirbel. Bald stellte sich nämlich heraus, dass kurz nach Beginn dem Täter nahe stehende Kreise versucht hatten, nicht nur massiv auf die Untersuchungsbehörde, sondern noch viel mehr auf das Gericht einzuwirken. Bestechung und Einschleusen von Gewährsleuten in das hochmoderne, mit allen Überwachungsschikanen ausgestattete Untersuchungsgefängnis waren nur die zwei gewichtigsten Vorwürfe. Damit weitete sich die Affäre zu einem veritablen Justizskandal aus. Allerdings schüttelten nicht nur Fachleute ob derart groß angelegter Unlauterkeit ausgerechnet in diesem Fall fassungslos den Kopf, hatten doch schon von allem Anfang an erhebliche Zweifel an der Schuldfähigkeit des Täters bestanden. Zwar hatte er nachweislich weder unter Alkohol- noch unter Drogeneinfluss gehandelt, aber selbst nach ausgiebigen weiteren (sauberen) Untersuchungen ließ sich kein auch nur halbwegs einleuchtendes Tatmotiv ermitteln. Die psychiatrischen Gutachten bestätigten denn auch die ersten Vermutungen: überwältigender Affekt mit neurotischen Hintergründen. Da der Proband, so hieß es, nicht nur therapierbar, sondern auch sehr therapiewillig sei, könne eine gute Prognose gestellt werden. Nach geeigneten Maßnahmen, insbesondere einer psychologische Betreuung, sei das Rückfallrisiko gering.
Die Auslöser des Justizskandals, neben den öffentlichen Amtsträgern vor allem die Frau des Angeklagten, wurden zwar ihrerseits unverzüglich verhaftet und die weiteren Untersuchungen einem ländlichen Gericht mit unzweifelhaft reiner Weste übertragen, das denn auch, wie bereits angedeutet, mit sehr viel Umsicht ans Werk ging. Das Urteil lautete aber trotzdem wegen weitgehender Zurechnungsunfähigkeit nur auf eine bedingte Strafe von zwei Jahren Gefängnis mit einer dreijährigen Bewährungsfrist, deren Beginn ausgesetzt wurde, solange die dem Angeklagten ebenfalls auferlegte stationäre psychiatrische Behandlung in einer geschlossenen Anstalt andauerte. Begreiflicherweise explodierte die öffentliche Empörung – an der einwandfreien gerichtlichen Begründung gab es jedoch nichts zu rütteln. Der Staatsanwaltschaft konnte daher beim besten Willen kein Vorwurf gemacht werden, wenn sie von jeglichem Rechtsmittel absah.
Kurz vor Weihnachten 1991 starb der Verurteilte plötzlich und völlig unerwartet gut vierzigjährig noch während der Behandlung in der Klinik. Die sofort durchgeführte Autopsie bestätigte die erste Vermutung auf einen Herzinfarkt. Hinweise auf einen Unfall oder gar Suizid gab es keine.
In den Papieren des Verstorbenen fand sich unter anderem ein Umschlag mit Aufzeichnungen, eine Art Autobiografie, deren Niederschrift kurz nach der Einlieferung in die Anstalt einsetzte und Anfang November endete, wobei, wie sich aus der handschriftlichen Fassung ergibt, einige Abschnitte vor der elektronischen Reinschrift fortwährend überarbeitet wurden (nur der letzte, das „Nachwort“ liegt lediglich getippt vor). Um eine posthume Veröffentlichung bittet der nach wie vor berühmt-berüchtigte Verstorbene darin zwar nicht, gestattet sie jedoch erstaunlicherweise ausdrücklich in einer Zusatzklausel – als ob er mit seinem baldigen Tod gerechnet hätte. Sein Bericht erschien denn auch im März 1992 aus Anlass des Jahrestags der Untat auszugsweise in einigen Tageszeitungen und Zeitschriften und sorgte ein weiteres Mal für einige Verblüffung, haftet ihm doch trotz offensichtlichem Mitteilungsbedürfnis, trotz inhaltlicher wie sprachlicher Behutsamkeit so gar nichts von der erwarteten gefühlskalten Rechtfertigungsschrift eines abgebrühten Schwerverbrechers an. Nicht zuletzt deshalb geben wir ihn hier erstmals – und exklusiv – vollständig wieder.