These und wohl auch Fazit: Die im Zusammenhang mit den Debatten um das helvetische Bankgeheimnis und Äußerungen des an der Hochschule St Gallen wirkenden Wirtschaftsethikers Ulrich Thielemann, eines Deutschen vor dem Deutschen Bundestag in den Medien und anderswo ganz selbstverständlich ventilierte Annahme, Unrechtsbewusstsein erfordere einen Rechtsbruch und sei ohne nicht nur nicht zu erwarten, sondern auch nicht angebracht, ist absurd.

Begründung: Recht und Rechtsempfinden und damit auch Unrecht und Unrechtsbewusstsein sind zwei ziemlich verschiedene Dinge. Noch einmal in einer anderen Etage wohne Gerechtigkeit, meinte Friedrich Dürrenmatt in seinem vor einem knappen Vierteljahrhundert erschienen, nicht eben geglückten Roman Justiz – nicht eben geglückt nicht in erster Linie, weil er Recht schlechthin und Strafrecht zu sehr gleichsetzt, sondern weil zu wenig klar wird, ob es Treppen zwischen den beiden ja tatsächlich verschiedenen Etagen gibt und ob Füße mit Zubehör denkbar oder gar vorhanden sind, die sich für Tritte auf und ab eignen. Verschieden sind die Dinge einmal, weil man Recht brechen oder anwenden kann, ohne sich dessen bewusst zu sein, doch das muss uns für unsere Frage nicht kümmern: Bewusstsein ist ja stets Voraussetzung für jedes einigermaßen konturierte, artikulierbare Empfinden. Dann ist es aber auch möglich, dass ich ohne Unrechtsbewusstsein mir bewusstes formales Recht breche, etwa wenn ich bei Rot eine momentan verkehrsfreie Straße überquere, und ich kann mein Verhalten als im Grunde unrecht empfinden, obwohl ich mich ans formale Recht halte – soweit ich weiß. Wäre dem anders, so wäre beispielsweise ein Großteil der Verfahren gegen Naziverbrecher von vornherein unsinnig gewesen, war doch das von vielen Angeschuldigten vorgebrachte Argument, sie hätten geltendes Recht oder Anordnungen aufgrund geltenden Rechts, etwa eines Befehls des so legitimierten Vorgesetzten vollzogen, in den allermeisten Fällen glaubhaft. Denken wir etwa an Hanna Schmitz im Vorleser von Bernhard Schlink: Sie tat nichts anderes – oder was sie an anderem tat, führte nicht zum wochen-, ja moonatelangen Strafprozess und achtzehn Jahren Gefängnis danach. Man könnte die schlimmsten Gräuel und dabei fehlendes Bewusstsein, Unrecht zu tun, damit begründen, das Handeln oder Unterlassen des oder der Bettreffende habe sich innerhalb des gesetzlich Erlaubten oder gar Gebotenen abgespielt. Wäre also etwa Morden gesetzlich erlaubt, würde nach solcher Logik der Mörder oder die Mörderin nicht nur nicht bestraft, es wäre auch verwegen, von ihm oder ihr das Bewusstsein zu verlangen, mit ihrer Tat irgendwelches Unrecht verübt zu haben.

Rechtspositivismus nennen Juristen und Philosophen die Haltung, wonach von der dazu wie auch immer formal autorisierten Stelle erlassenes Recht immer Recht und daher legitim sei – ganz ungeachtet seines Inhalts. Hitler wurde formal einwandfrei zum Reichskanzler gewählt. Natürlich wirft der von uns allen, auch vom Verbrecher, irgendwie gefühlte Standpunkt, dass dem nicht so sei, eine Fülle von moralischen, erkenntnis- und rechtstheoretischen, von allgemein philosophischen und für Gläubige erst recht theologischen Fragen auf, die wir hier und jetzt nicht erörtern wollen. Die Schar jener, die glauben, Recht und Unrecht, womöglich sogar das dazugehörige Empfinden ließen sich zweifelsfrei aus der Natur des Menschen ableiten, ist mittlerweile doch ziemlich klein geworden – zu Recht. Erkenntnis ist ein steiniger Weg, erst recht Selbsterkenntnis, und umfassende Kenntnis höchstens stets angestrebtes, aber unerreichbares Ziel. Dies zumal in Bereichen, wo die Natur keineswegs so unveränderlich und grundfest steht, wie die Verfechter des Naturrechts meinten und mitunter noch immer meinen. Zugegeben, der Boden ist glitschig, aber wir haben keine andere Wahl, als uns dennoch darauf zu bewegen, wollen wir nicht jenen positivistischen Vereinfachungen anheim fallen, die schon Millionen das Leben gekostet haben, etwa durch Vergasung oder Folter – oder schlicht durch Gemetzel. Uns dabei zu helfen, unsere Schritte auf diesem unsteten Untergrund zu tun, ohne zu arg zu straucheln oder zu grob zu fallen, das versucht die Ethik. Das versuchen Ethiker. Das einzige, was man Herrn Thielemann in Sachen Bankgeheimnis und Unrechtsbewusstsein vielleicht vorwerfen kann, ist, dass er dazu beigetragen haben könnte, dass seine Schritte, in der Sache durchaus behutsam, nicht als behutsame Schritte wahrgenommen wurden. Sicher nicht, dass er formales, positives Recht und Rechts- beziehungsweise Unrechtsempfinden eben nicht gleichsetzte – siehe eingangs These und Fazit. Hätte er dies getan, dann wären Rügen und vielleicht gar seine Entlassung ein echtes Thema gewesen. So wie sie daherkam, war die öffentliche Debatte ein Etikettenschwindel; ihr wirklicher Gegenstand waren nämlich nicht die Äußerungen des Wirtschaftsethikers, sondern helvetische Sensibilitäten – vielleicht mitunter durchaus nachvollziehbare. Und das nähere Umfeld demonstrierte blamable Inkompetenz in der Sache.

P.S.
Ich bin weder Deutscher noch Secondo; die meisten meiner Vorfahren stammen aus dem Glarnerland, eine Urgroßmutter war Aargauerin. Deren Mann entstammtallerdings ursprünglich einer französischen Hugenottenfamilie, die jedoch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts längst eingedeutscht war. Das immerhin.