So – natürlich ohne die Frage nach dem Gedankenstrich – der deutsche Titel des voluminösen Standardwerks des jüdisch-israelischen Historikers und Publizisten Tom Segev zur Vorgeschichte der Gründung Israels, insbesondere zu den Jahrzehnten des britischen Mandats. Er räumt darin kompetent mit all den gehätschelten Mythen und Verfälschungen auf, die sich seit der Staatsgründung gebildet und festgekrallt haben, und zeichnet ein glaubhaft unvoreingenommenes Bild der turbulenten Zeit davor. Zum Glück ist er ist mit seiner für viele Israeli offensichtlich noch immer nicht eben angenehmen Standortbestimmung nicht ganz allein; er gehört zu den sogenannten kritischen Historikern, einer Gruppe, die sich von allzu lieb Gewonnenem in der eigenen Geschichtschreibung nicht blenden lassen will – zu leicht gelten Geister, die von mehreren Warten her (zurück-)schauen und ohne Scheuklappen auch über die eigene Geschichte urteilen, als Nestbeschmutzer, und das weiß Gott nicht nur für Hardliner und nicht nur im Nahen Osten; man erinnere sich etwa an die teilweise alles andere als freundlichen Reaktionen auf den Bergier-Bericht zu einigen heiklen Fragen der Schweizer Politik während des Zweiten Weltkriegs.
Es war einmal ein Palästina – wird es dereinst wieder eines sein? Angesichts schwindender Hoffnungen auf eine tragfähige Zweistaatenlösung, auf ein Leben zumindest nebeneinander her, wenn nicht gar miteinander in Frieden ist diese Frage keineswegs vermessen. Schon gar nicht zeugt sie von Missgunst oder Antisemitismus. Dieser Vorwurf, vorschnell, oft schon bei leisester Kritik an israelischer Politik von außerhalb geäußert (in Israel selbst darf man offenbar weitaus mehr und heftiger) und tausendfach vor allem in den USA als Waffe missbraucht, um Andersdenkende zu diffamieren und politisch kaltzustellen, greift nicht nur häufig daneben; leicht fördert er massiv und mitunter gefährlich präzise, was er zu bekämpfen sucht, und hindert, was wirklichen, gefährlichen Antisemitismus, handfestes Verdammen anderer Gläubigkeit und freien, offenen Denkens und Redens auszuräumen oder solchen Tendenzen zumindest vorzubeugen hilft – Verständnis und gegenseitigen Respekt nämlich. Hat ein Mund unrecht, so nicht, weil er von mächtigen Lobbys totgebrüllt wurde.
Doch um besseres Recht bemüht sich dieser Beitrag ja gar nicht. Vielmehr geht er davon aus, dass Rechtsansprüche, die der Gegenpartei ebenso (absolut) einleuchten wie einem selbst, sich nicht finden lassen – gerade weil sich die Herleitung der besseren Rechte auf je unumstößliche Heilige Schriften und damit Botschaften für immerdar beruft. Das Dumme ist nämlich: Das Absolute schweigt. Schweigt absolut. Denn wird es Sprache, wird es also stets von Neuem gesprochen, gelesen, gedeutet, meandern, schlingern seine Bedeutungen, sein Sinn durch Zunge, Zeit und Raum und es verkommt je länger je mehr zum Plural. Zu Absolutheiten, gedachten, empfundenen, mitunter inbrünstig, ja mystisch als gültiger gegeben erlebten als all die vergängliche Erscheinung im Hier und Jetzt. Und ganz besonders wenn sich derart leidenschaftliche ins Außen gekehrte innere Welten, derart grenzenlose Objektivierungen des eigenen Empfindens aneinander reiben, rollen schnell Köpfe – nicht immer nur jene der leidenschaftlich Bekehrten und Bekehrenden, der Märtyrer. Man drischt aufeinander ein, schießt, bombt mit Gottes Wort im Gepäck und dem himmlischen Wortführer an seiner Seite. Dass mitunter, ja fast immer auch ganz und gar irdische, nicht erst im Jenseits fällige und gleichzeitig hinfällige Interessen dieses Wort beflügeln, vergisst man schnell und gern. Schon bei den unheilvollen christlichen Kreuzzügen war das so; aber auch moderne Krieger leihen sich solche Praktiken immer und immer wieder, wenn sie zum Beispiel die Achse des Bösen oder den durchwegs bösen abendländischen Westen zimmern. Nicht umsonst ist das zwanzigste Kapitel in Segevs Buch mit Irland in Palästina übertitelt. Versuchen wir also, das leidvolle Ringen um einige Zehntausend Quadratkilometer Levante von mindestens zwei Seiten her zu sehen. Aus Distanz – der hier wohl kaum Authentizität deshalb abgeht, weil der Autor nicht Jude ist und nicht vor Ort lebt oder gelebt hat (Juden beschäftigen sich ja auch mit fernen Ländern, deren Entscheidungsträger anderen Glaubens sind) – und ohne Präferenz für den einen oder anderen Gott. Kohärent denken lässt sich ja ohnehin keine der Gottesvorstellungen der drei aktuellen monotheistischen Religionen – nur schon weil die Totalität, das „all…“ (allwissend, allmächtig und so weiter) für unser Sein und Denken einfach eine Nummer zu groß ist. So erscheint unserem Folgern etwa Allmacht sinnlos, wenn sie nicht im Allwissen enthalten ist, wenn also Entscheidung nicht gleichzeitig, ja zeitlos bereits entschieden wäre, sonst wäre sie ja nicht (all-) gewusst. Glauben allerdings lassen sich diese Religionen und auch allerlei andere Inhalte dennoch, und wie – trotz, ja hin und wieder sogar wegen hartnäckig unauflösbaren Widersprüchen. Solch skeptisch-perspektivischem Schauen ist natürlich bewusst, dass ein Bewusstsein, das sich seine eigene Beschränktheit eingesteht und damit die Vorläufigkeit seines Urteils, einen schweren Stand hat gegenüber jedem beschränkten Bewusstsein, dem Teile seiner Inhalte von allem Anbeginn weg und bis ans Ende aller Tage unumstößlich gelten…

Der ganze Aufsatz (17 1/2 Seiten) ist auf meiner Webseite unter Textprobenzu finden.