Um es gleich vorweg zu nehmen: Meine Augen sind braun, und braunäugig hat keinen doppelten, wenigstens keinen so hinterhältig doppelten Sinn. Und vielleicht ist es auch für braunäugige wie mich blauäugig (oder banal), das durchzudenken, wozu ich mich eben anschicke. Immerhin hätte ich bei Bedarf eine recht probate Entschuldigung: infolge ererbten (selbstverständlich längst operierten) Graustars ist meine Sehschärfe nicht “voll korrigierbar”.

Doch damit bin ich mitten im Problem – trotzdem. Was bin ich, was machtmich aus, was ist, juristisch ausgedrückt, Bestandteil, was nur Zugehör, die man ohne Schaden entfernen kann? Was ist mir wesenseigen, vielleicht nur mir, was ist allgemein, reiht vielleicht in Typen, Klassen oder Gruppen ein? Lässt sich Individuelles überhaupt anders ermitteln, beschreiben, ja lässt es sich überhaupt sagen oder steht es – letztlich – zwischen den Zeilen, im Raum rund ums gesprochene Wort? Die Juristen jedenfalls, ganz besonders die Richter, haben mit Bestandteilen von Sachen und abtrennbarer Zugehör immer wieder ihre liebe Mühe…

Bin ich nun braunäugig oder habe ich braune Augen? Bin ich glatzköpfig oder habe ich eine Glatze? Bin ich groß (1 m 83) und schlank oder habe ich mit meinen fünfundfünfzig Lenzen noch eine einigermaßen intakte Figur mit leichter Ausbuchtung vorne? – Diese Gegensätze mögen reichlich konstruiert wirken, und bei Vermisstmeldungen oder gar polizeilichen Fahndungsbeschrieben würde niemand irgendein Aufhebens wegen der Art der Formulierung, erst recht nicht wegen des Satzbaus machen, wenn denn nicht überhaupt nur Stichworte da stünden. Aber nur etwas tiefer geritzt, erweisen sie sich als durchaus real bedeutsam: Was ich nämlich ediglichhabe, das klassifiziert von Vorneweg und lässt sich oft auch ohne allzu großen Aufwand verändern. Haare kann man färben, verlängern oder (wie etwa auf den Schädel des kleinen Hausherrn von Palazzo Chigi, dem Sitz des italienischen Ministerpräsidenten in Rom) aufkleben; die Augenfarbe kann man mit Kontaktlinsen verändern oder (wie Karl Lagerfeld) den Blick überhaupt bebrillt wegspiegeln (und wird dann womöglich nicht wiedererkannt, wenn man es nicht tut); man kann abmagern, dick werden, braun, rot oder blass sein, sich sorgfältig oder nachlässig kleiden, duften oder stinken oder weder noch, seine Muskeln trainieren oder vernachlässigen oder weder noch, und, und… Man – ein und derselbe Mensch. Alles Variablen also. Gibt es denn auch Konstanten, also Dinge, die so sind und bleiben, egal, ob wir gerade duften oder stinken, jung oder alt, dick oder dünn sind, oder wenigstens so etwas wie einen konstanten Mix von Variablen? Irgendetwas Feststehendes wenigstens, an das wir uns halten, an dem wir uns ausrichten können – etwas das uns vom Pantoffeltierchen oder den Affen, ja überhaupt von den Tieren unterscheidet, das müsste es doch, verdammt noch mal, geben!

Beim Pantoffeltierchen, da ist‘s ja noch einfach: Wir sind ja keine Einzeller, und wir vermehren uns nicht durch Teilung, was uns Menschen im Übrigen auch von ein paar Würmern unterscheidet. Und bei den Affen mag man unseren (meist) aufrechten Gang und die relative Größe des Hirns anführen, oder dass wir im allgemeinen schlechter klettern können als sie. Doch Mensch – Tier ganz allgemein? Haben nicht Delfine eine relativ zum Körper mindestens so große Hirnmasse wie wir? Also halt aufrechter Gang und großes Hirn, vielleicht unsere Kommunikationsmethoden, unsere Sprachen. Aber sind wir uns da ganz sicher? Was, wenn plötzlich großhirnige, aufrecht gehende, sprechende Wesen auftauchen würden, die wir beim besten Willen nicht als Menschen, zumindest nicht als homines sapientes wahrnehmen würden? Denkbar sind solche Wesen ja ohne Weiteres; die Science-Fiction-Literatur überquillt geradezu von ihnen. Und sind Menschen, die noch nicht oder überhaupt nie sprechen oder die vielleicht motorisch nicht in der Lage sind, aufrecht zu gehen, keine Menschen – oder sind sie es, einfach weil sie ein großes Hirn haben? Wir würden wohl kaum unsere Neugeborenen oder geistig oder körperlich Behinderte gern als Tiere bezeichnen oder sie in eine dritte Kategorie einordnen wollen, nur weil sie das eine oder andere Kriterium, das wir fürs Menschsein voraussetzen, nicht erfüllen.

Zugegeben, das mögen für viele Spitzfindigkeiten sein. Gedankenspiele eines Intellektuellen, der zu viel Zeit hat zum Nachdenken. Doch damit nicht genug: Es sind erst Vorspiele. Worum es mir geht, ist ja wie eingangs schon erwähnt erstens: Gibt es so etwas wie einen individuellen Kern im Einzelnen oder zumindest eine individuelle Kombination von an sich überindividuellen Konstanten oder Variablen?, und zweitens: Gesetzt, es gibt ihn, lässt er sich so einzeln, so individuell sagen, wie er ist? Ums erste mögen sich Psychiater und Psychologen in quantitativer wie qualitativer Hinsicht vielleicht als Fachleute streiten; auf Typisierungen sind sie ja angewiesen, wollen sie etwas bewirken – unserem und auch ihrem Empfinden, unseren und ihren Gefühlen ist klar, dass es einen Menschen, den man einzeln auch nur einigermaßen nahe kennt, im Sein wie im Insgesamt seines Handelns nur einmal gibt, mag beides auch noch so stereotyp, noch so gruppen- oder klassenhaft daherkommenn und mag man sich auch noch so schwertun, das zu umschreiben, was die Persönlichkeit ausmacht, also von anderen unterscheidet. Schon gar nicht ist jemand (abgesehen von den paar ziemlich zuverlässigen biologischen Merkmalen) vollkommen typisch Frau oder typisch Mann – und wäre es auch dann nicht, wenn es diese “Typen” tatsächlich gäbe. Wir fühlen ja Einzigartigkeit, eben In-dividualität ebenso wie Herkunft, Gruppe, Klasse, Masse. Beim zweiten Punkt hingegen  wird‘s spannend: Worte, sollen sie ihre Funktionen erfüllen, können nie ganz einzeln, in-dividuell sein, sonst fehlt die Brücke zum andern, zum Hörenden, zum Lesenden – erst recht nicht können das Begriffe, die bezeichnen (etwa im Gegensatz zu Worten wie “und”, “oder”, “dass”, die (lediglich) verbinden). Mithin können Begriffe auch nicht absolut Einzelnes bezeichnen, selbst wenn etwas quantitativ momentan nur einmal vorkommt – wie wollten sie sich sonst mitteilen? Das bedeutet, dass das Beschreiben, besser, das Einfangen von Individualität ein heikles Geschäft ist  – wenigstens sprachlich –, erfordert es doch zwingend Nicht-Einzelnes; auch in der Metapher, der Allegorie, im poetischen Bild, im Vergleich, ja gerade dort. Wir Autoren arbeiten denn auch ausgerechnet beim Beschreiben von Personen und Persönlichkeiten nicht selten mit Klassifizierungen und Typisierungen, etwa: Wie viele kleine Männer hatte auch er… – und wecken ebendadurch durchaus manchmal sogar jene Geister, die erwachen sollen. Typisierungen steuern ja aufs Individuum zu, sie nähern sich wie ein Travelling oder ein Zoom im Film. Und dann, wenn wir nahe, sehr nahe dran sind, vielleicht sogar in die Figur hineinschlüpfen? – Na dann können wir nur hoffen, dass alles Weitere im Leser oder Hörer hinter unseren nicht ganz einzelnen Begriffen und um sie herum sich zu unserer oder unserem Einzelnen fügt. In beträchtlichem Maße mag das ja schon von unseren Fertigkeiten, von userer Kunst abhängen – aber der Leserinnen und Leser oder Hörerinnen und Hörer oder jener, die es werden könnten, sind so viele, und alle eben auch einzigartig, selbst in der (gedachten oder wirklichen) Masse…