Bilder ergießen sich über uns als Flut im Alltag, mit Gezeitenwende hin und wieder, oft wenn wir sie am wenigsten erwarten. Bilder hängen wir an die Wände in unserem mehr oder weniger trauten Heim, gewöhnen uns daran, und bisweilen stechen sie doch wieder heraus, stechen uns an, und wir sind erstaunt, dass das, was alle Tage, wenigstens alle Abende und frühe Morgen, und alle Jahreszeiten um uns ist, uns plötzlich wieder erstaunt, ja überrascht. Und Bilder, zu oft Bilderrahmen, hängen in Museen, eins neben dem andern, dezent beleuchtet, Skulpturen stehen vorsichtig prominent im Raum.

Museums-Schauen ist nicht irgendein Schauen. Es ist immer Schauen mit Ziel – mitunter mit keinem weiteren, als das Museum auch wirklich und wahrhaftig “gemacht” zu haben, um nach der Rückkehr aus den Ferien unter Bekannten und Freunden nichts vorlügen zu müssen – endlose Schlangen davor hin oder her. Aber selbst wenn wir schauen um des Schauens, nicht um des Pflichtenhefts willen, schauen wir nicht einfach das Bild an – wir sehen es hier. Hier, neben einem, neben vielen anderen. Motiv über Motiv, Konzeption über Konzeption oder Choreografie, Figur über Figur; Pinsel, Stein, Holz, Drück, Fotografie, Film, Installation. Wir sehen es hier mit anderen. Mit anderen, vor deren Aussicht wir stehen, die uns im Wege sind, die sich vielleicht drängeln, weil der elektronische Begleiter bereits zum nächsten Bild führt, die nächste Plastik erklärt – doch diese Unpässlichkeiten sind nicht das Entscheidende. Ob wir wollen oder nicht, auch unsere beflissenen Museums-Mitmenschen prägen unser Erleben mit, mögen wir uns noch so sehr auf ein Detail auf einer großen Rembrandt-Tafel oder an einer Donatello-Figur konzentrieren. Da sind Schritte und Gesten, da sind Luftzüge und Geräusche, da sind Stimmen und Worte, da ist Garderobe und Geruch, da beobachtet sich‘s verstohlen hin und her und die beobachteten Beobachtenden widmen sich, mitunter etwas peinlich berührt weil oft gegenseitig ertappt, wieder Blicken, die sich nicht kreuzen können. Da sind trotz oder vielleicht wegen der eben beschriebenen stets lauernden Gefahr immer wieder auch Reizerwecker, ganz zarte nur und flüchtige zum Glück – mehr würde uns hier, inmitten all des Geschaffenen, Fixierten, wohl stören; Stoff, der schön schwingt, Locken, die sich finden, Schritte im “richtigen” Maß, Staturen, Gesichter, Mimik, alles keine Ausstellungsobjekte. Da sind gleichzeitig Unbehagen, Missfallen, Abscheu vor schnödem, soldatisch über Ohrhörer gesteuertem Touristen-ich-bin-dort-gewesen-Trott, da ist vielleicht sogar Ekel. Oder, etwa im Janar, ist da Leere, also dominant anwesende Abwesenheit, um uns und all die gemalten, gehauenen, geschraubten, geklebten Bilder. Aber auch, ja gerade dann haben diese Bilder immer ein Rundum, sind garniert mit Museum, bleiben so in unseren Köpfen, wenn sie es bis dorthin schaffen, blitzen so in ferne Rundum als launische Erinnerung ein – und das selbst dann, wenn wir sie mit wunderbaren großformatigen Abbildungen aus einem Buch über Goya oder Beuys nachfrischen, das wir im Museums-Shop gekauft haben.