Ich könnte jetzt die angenehme Herbstwoche (Freitag, 3.10.2008 – Freitag 10.10.2008) beschreiben, die meine Frau und ich in der spanischen Kapitale verbrachten – noch recht warmes, sonniges Wetter, unterbrochen nur durch gut anderthalb Tage Wolkendecke mit zwei, drei kurzen Nieselregenspritzern, Besuch im Prado, den Museen Reina Sofia, Thyssen Bornemisza, Spaziergang im Parco El Retiro, Besichtigung des Palacio Real, Hotel bei der Puerta del Sol usw. –, doch das will ich nicht; Touristenführer-Profis sind da in fast allen Hinsichten viel beschlagener. Wenig nur auch übers allgemein Großstädtische: die Unzahl, auch an Interaktionen und Rollen, die sich meist schon verleugnen, ehe sie richtig geschehen und gespielt sind; das Flüchtige des Erlebens und Erlebtwerdens im Allgemeinen, das einzeln mitunter doch tiefe Spuren hinterlässt, anders stimmt und wendet, bald sanft, bald schroff, bisweilen sogar dann, wenn diese Unzahl nur ein kurzer Stopower war; den brausenden Verkehr, der so tut, als verkehre er mit nichts als sich selber, ganz unabhängig von den Menschen in den Vehikeln, die von A nach B und C und D wollen oder müssen, den Waren, die sie verschieben; die Massen, die sich drängen und die Massen die den sich drängelnden Massen ausweichen – das ist Allgemeingut. Eigentlich möchte ich hier nur eine Beobachtung mitteilen: die fortschreitende Angleichung des Tempos in den verschiedenen Metropolen, zumindest ab einem gewissen Technisierungsniveau. Früher kennzeichnete eine Großstadt nebst ihrer Silhouette, ihren Wahrzeichen auch die nur ihr eigentümliche Geschwindigkeit – im Denken, im Reden, im Handeln, im Gehen und oft gar im Fahren –, ja sie teilte sich gerade dadurch dem Ankömmling am unmittelbarsten mit – und vereinnahmte ihn kurz darauf, wenn er sich nicht bewusst und nicht selten unbewusst krampfaft dagegen stemmte, weil er glaubte, nur so als Beobachter vor sich und dieser Welt bestehen zu können. Natürlich teilt sich das temporeiche Tempo auch heute noch mit, aber immer weniger meint es diese Großstadt. Es wird immer beliebiger austauschbarer, wie längst schon die neueren Viertel nicht nur in den Metropolen. Im Zentrum Madrids ticken die Uhren einzig im Künstlerviertel rund um die Calle Huertas vielleicht noch etwas anders – wenigstens für das flanierende fremde Müßiggänger-Paar…