Wieso eine Wortmeldung zur UBS – eine mehr? Ganz einfach: Gerade weil es so viele gibt und weil zu viele davon in die gleiche Richtung weisen – jene des Vergessens nämlich. Gut, dass jüngst zumindest ein Doku-Film die Erinnerung wieder aufgefrischt hat.

Vergegenwärtigen wir uns: Auf wackliger verfassungsrechtlicher Grundlage (Notrecht, das keineswegs solchen Zwecken dienen soll) wurde vor knapp einem Jahr die UBS gerettet – eine Bank, die, allerdings durchaus nicht als einzige, im Interesse des Profits, vor allem astronomischer Eigenkapitalrenditen, nicht nur haarsträubend lax mit Risiken umgegangen war, sondern auch ihre Engagements trickreich mit haarsträubend wenig Eigenmitteln unterlegt hatte, um möglichst effizient zu hebeln. Überdies hatte man im (demokratischen und rechtsstaatlichen) Ausland zu kriminellen Handlungen angestiftet oder sie sogar selbst begangen. In der so genannten Realwirtschaft und nicht nur dort würde derartiges Geschäftsgebaren in den allermeisten Fällen wirtschaftlich und gesellschaftlich geächtet und rechtlich geahndet, zumindest zivil- und damit betreibungsrechtlich, wenn nicht garr durch Bestrafung. Die UBS rettete man mit Milliarden aus der Bundeskasse und der Notenbank, weil sie too big to fail sei; ein Konkurs würde größeren Schaden anrichten und damit höhere Kosten verursachen als die Rettung, weil weite Teile der Volkswirtschaft in Mitleidenschaft gezogen würden, durchaus nicht nur andere Banken und Finanzdienstleister. Kredite, Guthaben, ja ein gut Teil des inländischen Zahlungsverkehrs stünden auf dem Spiel. Ganz unrecht hatte man damit nicht: Unsere Großbanken – nicht nur die UBS, auch die Credit Suisse – waren und sind für unser Land viel zu groß und damit ein Systemrisiko, oder besser ein systemisches Risiko; dieser Begriff suggeriert etwas weniger die Vorstellung von Ordnung und Spielregel, wovon, vor allem in den letzten Jahren, in der Finanzwirtschaft immer weniger zu spüren ist. Und eben: Dieses Risiko sucht nicht nur die sechs bis acht Prozent unseres Inlandproduktes heim, die der helvetische Finanzplatz erwirtschaftet, sondern unabsehbar große weitere Kreise, die er bedient, wenn sie denn eintreten, besonders – vermeintlich – Knall auf Fall.

So weit, so gut. Aber was dürfte man nun vom Geretteten wie von den Errettern erwarten, nachdem ihr Flickwerk wenigstens vorläufig und provisorisch genug geglückt ist? Doch wohl, dass sie nicht nur das Schiff wieder flott machen, sondern vielmehr, dass sie es umbauen. So umbauen, dass nicht noch einmal ein Großteil der Flotte unterzugehen droht, sollte es erneut kentern. Die andern sollten in der Lage sein die Taue rechtzeitig zu kappen, sollte diese Gefahr wieder bestehen. Doch was tun die lieben beschämten Verantwortlichen?

Sie setzen sich in selbe Rettungsboot auf dem Dampfer. Die Bank holt den früheren Finanzminister, ursprünglich ein Realwirtschaftler, dessen Unternehmen Zigarren und Fahrräder produzierte (und noch produziert), als Verwaltungsratspräsidenten und einen zwar fähigen, aber unverbesserlich geradezu religiös Marktgläubigen als CEO mit zwischen die Planken. Und fortan wird politisch-großbankbetriebswirtschaftlich gemauschelt. Ex-Finanzminister und jetzt UBS Topshot mit früherem UBS-Kader und jetzigem Finanzminister; zur Unterhaltung machen sie öffentlich ab und zu auf ein wenig kontrovers. Wegen Verwicklung in kriminelle Handlungen, in deren Verlauf sich beträchtliche kriminelle Energien leitender Mitarbeiter freisetzen, die wahrscheinlich auf Weisung von noch weiter oben handelten, steckt die Bank in den USA (später auch anderswo) juristisch in der Klemme. Eine gefährliche, vielleicht wiederum existenzgefährdende Klage droht. Der Staat macht deren Abwendung und damit den Rechtsstreit zu seinem politischen Anliegen. Resultat der gemeinsamen Anstrengungen: ein Vergleich, der nur noch die Herausgabe von Daten über ein paar Tausend Kunden verlangt statt der ursprünglich geforderten Angaben über 52‘000 Geschäftsbeziehungen; zudem sieht er keine Zahlungen der Bank an die US-Budessteuerbehörde vor. Ein Erfolg also – noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Kostenpunkt für den Staat: vierzig Millionen Franken. Die Bank erklärt sich bereit, die rückzuvergüten, doch der Herr Bundespräsident, Finanzminister und UBS-Lobbyist will in dieser Sache ein Auge zudrücken. Warum? Der Staat hat sich eben seines UBS-Engagements entledigt und mit der ganzen Feuerwehrübung erst noch 1,2 Milliarden Proft gemacht. Da wäre es doch kleinlich, wenn… Und die ursprünglich vierzig Milliarden Schrottpapiere?! – Wer weiß, vielleicht sitzt die Notenbank auf einem wahren Schatzkästchen; wenngleich niemand so recht weiß, was für Mischungen drin sind, könnte künftig doch wieder der eine oder die andere Lust auf des Gebräu bekommen – spätestens dann, wenn man wieder ganz gern sich selbst verstärkenden Rückkopplungsschlaufen aufsitzt und sich im Kumulus zwirbeln lässt…

Und die systemischen Risiken?

Die vergisst man weltweit. Immerhin tut man international wenigstens so, als ob man sich daran erinnerte. Doch auch in den USA sind vordem schon zu große Banken durch mehr oder weniger freiwillige Fusionen noch größer geworden, also noch too bigger to fail. Und sie (und nicht nur sie) spekulieren wieder fröhlich, oft statt Kredite, für viele nützliche Kredite, zu vergeben. Ihre Chefs haben sie ohnehin nie aufgehört fürstlich zu entlöhnen und zu bonieren, ganz unabhängig vom Geschäftsgang. Man verdrängt und beschwichtigt sein Verdrängen mit ein paar groß aufgezogenen Gipfeln und Debattierrunden. Bestimmt wird sich auch das World Economic Forum zu Davos 2010 erneut mit der Krise, mit den Krisen und den paar Folgekrisen befassen. Und unter all dem Trari-Trara, all den vielfältigen Vorschlägen und Anregungen wird sich bestimmt mitunter sogar Seriöses und Ernstgemeindes wiederfinden – aber dringt es gegenüber der dichten Melasse aus dem, was zudecken, was beharren, was am liebsten dort weitermachen möchte, wo es vor dem Crash aufgehört hat, durch? Vermag sich etwas von der ursprünglichen Entschlossenheit, nicht nur die globale Finanzwirtschaft weniger anfällig auf verhängnisvolle Blasen zu machen, zu tatsächlicher Verbesserung, zu wenigstens etwas mehr Stabilität zu mausern?

Auch in der Schweiz hat man, hat vor allem unser rühriger Bundespräsident und Finanzminister schon längst das Mittel zum Zweck gemacht. Nicht mehr, um noch größeren Schaden abzuwenden, hat der Staat die UBS gerettet, sondern um die UBS zu retten. Die UBS, wie sie ist – nicht die UBS, wie sie sein sollte. Man müsste sie also wieder retten, geriete sie in Schieflage. Dasselbe gilt für die Credit Suisse, einfach ohne das “wieder”. Namhafte Vertreter aus Wirtschaft und Politik – von rechts und links – fordern zwar energische Vorkehren gegen zu große Bedeutung einzelner Beteiligter in den makroökonomischen Abläufen, eben gegen zu große Systemrelevanz; Bankrotteure sollen nicht mehr staatliche Reparatur riskanter und / oder schlechter Geschäftsführung dadurch erzwingen können, dass sie viele andere mit in den Schlund ziehen, wenn sie selber untergehen. Doch gleichzeitig sucht die eben noch tödlich schwindsüchtige Too-big-Großbank für zwei demnächst vakante Verwaltungsratssitze Ersatz, der nicht nur fachlich kompetent, sondern auch politisch gut vernetzt ist – sprich, der mindestens Bürgerlichen solch dumme Ideen und überhaupt das Hirngespinst, es bestehe vielleicht am einen oder andern Ort Regulierungsbedarf, ein für allemal ausredet. Der Alt-Finanzminister alleine scheint dafür offenbar nicht gut, nicht gewichtig genug. Auch im Chor mit den Trompetern der Bankiervereinigung und – zum Teil in Personalunion – der ach so traditionsreichen eben gelifteten Neuen Zürcher Zeitung nicht. Die Zürcher Bahnhofstraße will die Demokratie wie ehedem dort regieren wo es sie betrifft, ohne Wenn und Aber. Sie tut es schon zu einem gut Teil wieder, aber offenbar erst ohne Wenn. Doch was nicht ist, kann ja noch werden – bald?

Und in den USA scheint es ein ganzes Netz von Zürcher Bahnhofstraßen zu geben – wovon die Wallstreet die wichtigste ist, vielleicht…